Prinzip der dynamischen Kontextualisierung

Elektronische Bibliotheken, Textsammlungen und e-print-Datenbanken sind gemeinhin nach dem Prinzip der Volltextsuche, nach Schlüsselwörtern und -kategorien organisiert. Diese Suchfunktionen sind unserem Projekt nicht fremd. HyperNietzsche wird über eine ganze Reihe von Suchmöglichkeiten verfügen, nach bestimmten Wörtern, nach Titeln, Autoren, Entstehungsdaten, usw. Grundsätzlich aber funktioniert HyperNietzsche nach einer anderen Logik, jenseits des Suchprinzips.

Die Informationen im HyperNietzsche sind nach dem Prinzip der dynamischen Kontextualisierung aufbereitet, das es dem Benutzer erlaubt, immer all die Dokumente zu seiner Verfügung zu haben, die die Seite betreffen, die er gerade aufgerufen hat.

Um das zu erreichen, sind die Informationen eingeteilt in Materialien, Autoren und Beiträge, also in das Forschungsobjekt (die Materialien), die Forschenden (die Autoren) und schließlich die Resultate ihrer Forschung (die Beiträge).

Startseite von HyperNietzsche

Im Bereich Materialien sind in digitalisierter Form alle Primärquellen zu Nietzsches Philosophie zusammengetragen. Die innere Ordnung ist durch den Grundsatz abnehmender Öffentlichkeit bestimmt: erstens die Werke Nietzsches, die für ein Leserpublikum bestimmt waren; dann die Briefe, die er einem einzigen Leser oder einer sehr kleinen Gruppe von Lesern geschickt hat; seine Manuskripte, die er für sich selbst geschrieben hat; die Bücher seiner privaten Bibliothek mit seinen Annotationen und schließlich die Dokumente, die seine Biographie, sein Privatleben also, betreffen.

Auch die Beiträge sind nach einem bestimmten Grundsatz geordnet, nämlich dem der abnehmenden Nähe zu den Materialien.

Da sind zunächst die Transkriptionen von Notizen und anderen handschriftlichen Texten. Dann die Wege, d.h. die unterschiedlichen - chronologischen, genetischen oder thematischen - Anordnungen dieser Manuskripte. Die chronologischen Wege versuchen, sämtliche Dokumente auf einer zeitlichen Achse anzuordnen: handschriftliche Notizen, Briefe, biographische Dokumente, usw. Die thematischen Wege definieren präzise ein bestimmtes Thema, dem nachgegangen werden soll, und untersuchen, inwiefern verschiedene Dokumente aus unterschiedlichen Epochen etwas mit diesem Thema zu tun haben. Die genetischen Wege schließlich sind besonders komplex und interpretationslastig, da bei ihrer Erstellung chronologische, thematische und biographische Elemente ins Spiel kommen und außerdem allgemeinere Überlegungen zu Schreib- und Kreativitätsprozessen Eingang finden.

Im HyperNietzsche kann jede denkbare Art von Kommentar veröffentlicht werden: philologische, genetische, philosophische, usw. Im Gegensatz zu den Aufsätzen sind die Kommentare charakterisiert durch ihre knappe Form und die große Nähe zu den Materialien, die sie kommentieren. Die Aufsätze hingegen sind der Bereich des Hypertextes, in dem sich die interpretative Freiheit voll entfalten kann, in dem die Materialien und Wege des Hypertextes nach Kriterien analysiert werden, die Bezug nehmen auf andere Bereiche der Philosophie- und Literaturgeschichte. Sie interagieren mit den anderen Teilen des Hypertextes - und, warum nicht, mit anderen Hypertexten - innerhalb einer argumentativen Entwicklung, die ihnen eigen ist und bringen so literaturwissenschaftliche, philosophische, textkritische und andere Theorien in den Hypertext hinein. Unterschiedliche philosophische Standpunkte können so ihre Kräfte messen und gleichzeitig durch eine Verlinkung mit den Materialien illustriert und verifiziert werden.

Bibliographien finden im HyperNietzsche ein flexibles System in der Form von Datenbanken vor, welche ständig aktualisiert werden und den Benutzern sofort zugänglich sind. Den bibliographischen Einträgen können die entsprechenden Werke als Faksimile oder in Textform zugeordnet werden. Die Übersetzungen schließlich sind eine Sorte Beiträge, die sich auf alle anderen Elemente des HyperNietzsche bezieht. Sowohl die Materialien, als auch die Beiträge, als auch andere Übersetzungen können Gegenstand einer Übertragung in eine andere Sprache sein. Im HyperNietzsche können verschiedene Übersetzungen miteinander verglichen und neue Übersetzungen wesentlicher Texte angeregt werden.

Der dritte Teil des Hypertextes ist eine Auflistung aller Autoren, die zu HyperNietzsche beigetragen haben. Mit einem Klick kann man die persönliche Seite eines Autors aufrufen, aus der sein wissenschaftliches Profil und seine Beiträge hervorgehen.

Versuchen wir nun, die Benutzung des Hypertextes durch einen Wissenschaftler zu simulieren, indem wir über den Frame Materialien einsteigen. Durch einen Mausklick auf Werke erscheint im zentralen Fenster die Liste der von Nietzsche veröffentlichten Werke. Wählen wir nun den Text, der uns als Beispiel für unser System dient: Der Wanderer und sein Schatten. Es erscheinen neue Fenster, über die alles, was sich im HyperNietzsche auf den Wanderer bezieht, zugänglich wird.

Dynamische Kontextualisierung von Der Wanderer und sein Schatten.

Im oberen Frame sind die drei Fenster der Startseite, die den Zugang zu den logischen Bereichen des Hypertextes gewährt haben, nun in Form einer Menüleiste sichtbar. Vor allem aber sind sie einem bestimmten Kontext angepaßt worden. Auf der Startseite bezogen sich die Frames auf die Gesamtheit der Dokumente, die im HyperNietzsche vertreten sind: der Frame Materialien gab Zugang zu allen Materialien, der Frame Beiträge zu allen Beiträgen, usw. Nun aber, hinter dem Spiegel, bewegen wir uns im Inneren des Hypertextes und lassen uns dabei von den drei Bildern führen, die seine logische Struktur und interne Organisation repräsentieren (das vierte Bild, der nachdenkliche Nietzsche oben links, bringt uns jederzeit zur Startseite zurück).

Jedes dieser Bilder bezieht sich jetzt ausschließlich auf den Teil des Hypertextes, den wir gerade ausgewählt haben: ein Klick auf den kleinen Safe mit Materialien verschafft uns nun nicht mehr den Zugang zu allen Materialien des HyperNietzsche, sondern nur zu denen, die den Wanderer betreffen; klicken wir auf die kleine Feder der Beiträge, kommen wir zu allen Beiträgen, die sich mit dem Wanderer beschäftigen, und ein Klick auf die zwei stilisierten Gesichter ruft die Liste aller Autoren auf, die Beiträge zum Wanderer geschrieben haben.

Dieses Modell der Strukturierung der Elemente des Hypertextes gilt nicht nur für jedes Werk von Nietzsche, sondern auch für jeden Aphorismus, jede Manuskriptseite, jeden Brief, jedes biographische Dokument.

Dynamische Kontextualisierung von Aphorismus 338 des Wanderers.

Wenn wir also ein Material kontextualisieren (gelbe Hintergrundfarbe), zum Beispiel den Aphorismus 338 des Wanderers, dann umfaßt der Bereich Materialien die verschiedenen Digitalisierungen dieses Aphorismus in Bild- oder Textformaten. Im Bereich Beiträge befindet sich alles, was die Autoren zu Aphorismus 338 geschrieben haben: philologische Kommentare, philosophische Untersuchungen, genetische Wege, usw. Die Autoren schließlich sind all diejenigen, die zu Aphorismus 338 geschrieben haben.

Dynamische Kontextualisierung eines Beitrags.

Wenn wir einen Beitrag kontextualisieren (blaue Hintergrundfarbe), zum Beispiel den Text von Luca Lupo zu Aphorismus 338 des Wanderers, dann fallen in den Bereich Materialien alle Nietzschedokumente, die Lupo in seinem Text verwendet. Die Beiträge sind zum einen alle Beiträge anderer Autoren, die in Lupos Text zitiert werden, und zum anderen alle Beiträge anderer Autoren, die Lupos Text zitieren. Die Autoren sind parallel dazu einerseits die Autoren, die im Text zitiert werden und andererseits die Autoren, die den Text zitieren.

Dynamische Kontextualisierung eines Autors.

Wenn wir einen Autor kontextualisieren (rosa Hintergrundfarbe), zum Beispiel Luca Lupo, dann ist der Bereich Materialien konstituiert durch alle Materialien, die Lupo verwendet. Die Beiträge umfassen alle Beiträge von Luca Lupo und alle Beiträge anderer Autoren, die Lupo zitieren. Die Autoren schließlich sind erstens die, die Lupo zitiert (mit dem Verweis auf die Stellen, wo Lupo sie zitiert) und zweitens die, die Lupo zitieren (mit dem Verweis auf die Stellen, wo sie Lupo zitieren).

Dieses hypertextuelle System würde es jedem, der beispielsweise einen bestimmten Aphorismus zum Thema seines Unterrichtes machen will, erlauben, auf einen Blick alle verfügbaren Übersetzungen, alle philosophischen Kommentare, alle Untersuchungen und Aufsätze, die sich auf diesen Aphorismus beziehen, zur Kenntnis zu nehmen.

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