Open Access

von Paolo D'Iorio

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Für Jean-Claude Guédon

 

Die Version 0.2 des HyperNietzsche, der freien Verbreitung wissenschaftlicher Aufsätze gewidmet, wird in einem schwierigen Moment für das universitäre Verlagswesen eröffnet. Nach dem Aufruf zu einer Public Library of Science, der nicht den erhofften Erfolg hatte, versuchen die Naturwissenschaftler im Moment erneut, mit der Budapest Open Access Initiative ein Mittel zu finden, Zugangsbeschränkungen zur wissenschaftlichen Literatur zu beseitigen: "Der Abbau bisher bestehender Zugangsbeschränkungen wird zu einer Beschleunigung von Forschung und zu verbesserten (Aus-) Bildungsmöglichkeiten beitragen, zum wechselseitigen Lernen der "Armen" von/mit den "Reichen" und der "Reichen" von/mit den "Armen". Er wird dazu verhelfen, dass wissenschaftliche Literatur tatsächlich so breit wie möglich genutzt wird, und er wird auf diese Weise auch dazu beitragen, Grundlagen für den Austausch und für das Verstehen auf der Basis eines geteilten Wissens zu legen, die weit über die Wissenschaften hinaus bedeutsam und wirksam sein werden."

Wie sind wir dahin gekommen? Jean-Claude Guédon hat in mehreren Vorträgen und einem inzwischen berühmten Artikel In Oldenburg’s Long Shadow: Librarians, Research Scientists, Publishers, and the Control of Scientific Publishing klar und überzeugend Ursachen und Dynamik der aktuellen Krise, in der sich das universitäre Verlagswesen befindet, dargestellt. Alle, die nach Lösungen für diese Probleme suchen, sollten damit beginnen, über diese Seiten nachzudenken, auf denen uns Jean-Claude Guédon auffordert, "a navigable, worldwide ocean of knowledge, open to all" zu schaffen und eine "distributed intelligence civilization - a civilization open to all that are good enough (excellence), and not only to those who can afford it (elites)" zu entwickeln.

Die Probleme liegen in den Geisteswissenschaften anders als in den Naturwissenschaften. Es handelt sich hier weniger um den Preis von Zeitschriften und Monographien (obwohl die Preise mitunter hoch sind), als vielmehr um mangelhafte Verbreitung, langsame Veröffentlichung oder immer häufiger die schlichte Unmöglichkeit, bestimmte Forschungsergebnisse überhaupt zu publizieren. In beiden Fällen jedoch fällt es schwer, sich eine andere Lösung vorzustellen, als die Organisation neuer Publikationsmodelle im Internet. Unter der Bedingung freilich, einen juristischen und institutionellen Rahmen zu finden, der Veröffentlichungen im Internet das gleiche Ansehen, die gleiche rechtliche und geistige Anerkennung sichert wie, Veröffentlichungen auf Papier sie genießen, damit Internetpublikationen beispielsweise dem beruflichen Vorankommen junger Wissenschaftler dienen können.

HyperNietzsche hat die Schaffung eines solchen Rahmens versucht. Das Projekt vereint in seinem wissenschaftlichen Komitee dreizehn der angesehensten internationalen Nietzsche-Forscher, definiert ein System der Peer Review und schützt durch seine rechtliche Struktur ebenso die Autorenrechte wie die freie Verbreitung der Texte. Dieses System soll demnächst durch die Möglichkeit von Print-on-demand vervollständigt werden.

In der Hoffnung, daß der Fall Nietzsche den Anfang einer neuen, offeneren Forschungspraxis bildet, schließt sich HyperNietzsche dem Geist der Initiative von Budapest für ein gemeinsames Wissen an und stellt den Geisteswissenschaftlern ein Modell der Wissensbewertung und –verbreitung im Internet zur Verfügung.

Zusätzlich zu den sechs Aufsätzen von Mazzino Montinari, die in der Version 0.1 zugänglich waren, enthält die neue Version zwei Dutzend weitere Aufsätze: gute, alte, schwer zugängliche Artikel ebenso wie brandneue, aus diesem Anlaß geschriebene. Vor allem aber erwarten wir nun Ihre Arbeiten, liebe Kollegen und Freunde. Von einem juristischen Standpunkt aus haben Sie das Recht, allen Ihren auf Papier veröffentlichten Arbeiten ein zweites Leben im Internet zu geben, und – andersherum – natürlich ebenso das Recht, einen im HyperNietzsche veröffentlichen Beitrag anderswo erneut zu publizieren. HyperNietzsche legt Wert auf Verbreitung und Teilung, nicht auf Exklusivität.

An die Browser, ihr Philosophen!

Paolo D’Iorio